Position des SJR zum Kirchenschiff als Jugendbegegnungsstätte

Stellungnahme für den Hauptausschuss am 24.01.2020

Gern beziehen wir als Stadtjugendring Potsdam e.V. Stellung zu den Ideen rund um das Areal der Garnisonkirche.

Grundsätzlich finden wir es gut, an dem Standort Demokratiebildung und eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte zu fördern. Aus unserer Sicht ist eine pädagogische Arbeit an diesem Standort und eine Auseinandersetzung mit der Historie auch ohne eine Jugendbegegnungsstätte möglich. Bei der Debatte wird jedoch dem soziokulturellen Rechenzentrum zu wenig Beachtung geschenkt.

Zudem befürchten wir, dass es bei der Idee nicht mehr darum geht, offen über die Notwendigkeit einer Jugendbegegnungsstätte zu sprechen, sondern darum, eine Argumentation für den Bau eines Kirchenschiffs zu finden.

Kirchturm und Ausstellung

Eine Ausstellung, die kinder- und jugendgerecht ist, könnte eine Basis sein für kritische Bildungsarbeit hinsichtlich der Geschichte des Ortes. Bei der Konzeption einer historischen Ausstellung, die Signalwirkung haben soll, empfehlen wir die Beteiligung von anderen Trägern, die in dieser Sache Expertise mitbringen, z.B. Historiker*innen oder Didakt*innen. Der pädagogische Beirat hat in den letzten Monaten wertvolle pädagogische Bausteine herausgearbeitet. Wir empfehlen, dass dieser Beirat in der Zusammensetzung an der Konzeption einer Ausstellung beteiligt wird.

Jugendbegegnungsstätte

Jugendbildungsarbeit sollte hier nicht vorgeschoben werden. Wir denken, bevor über ein Haus geredet wird, in dem eine Jugendbegegnungsstätte untergebracht wird, sollte der Bedarf hinterfragt und über ein Konzept gesprochen werden, über Inhalte, über eine Finanzierung des Baus, aber auch über eine Finanzierung des Betriebs – Unterhaltung dieses Hauses, Personal etc . Zudem haben wir bereits eine Jugendbildungsstätte in Potsdam, die seit vielen Jahren qualitativ hochwertige Bildungsarbeit leistet.

Es wird oft das Beispiel Weimar als Vorbild genannt. Die Jugendbildungsstätte in Weimar ist die einzige in Thüringen. In Brandenburg gibt es acht Jugendbildungsstätten, die alle hervorragende Arbeit leisten und die sich die knappen finanziellen Mittel aufteilen. Neben der Jugendbildungsstätte vom freien Träger HochDrei veranstalten zahlreiche Träger und Einrichtungen in Potsdam Jugendprojekte zu Demokratiebildung. Es ist fraglich, ob die Jugendbegegnungsstätte bei der Garnisonkirche eine positive Auswirkung auf die Potsdamer Stadtgesellschaft hat. Laut der Jugendbildungsstätte in Weimar besuchen sehr wenige Bürger*innen aus Weimar die Begegnungsstätte.

Die gewünschte Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Ortes ist aus unserer Sicht sehr gut ohne eine Jugendbegegnungsstätte möglich. Auch Weimar hat in seinem Konzept sogenannte Verbundprojekte. Pädagog*innen aus Weimar arbeiten mit freien Träger als Kooperationspartner*innen zusammen, die sich speziell mit einem Thema auskennen. Mit dem bereits begonnenen Kirchturm als Ort der Erinnerung und einer Ausstellung, die kinder- und jugendgerecht ist, würde man dem Anspruch der Jugendbildungsarbeit aus unserer Sicht ausreichend gerecht werden. Wichtig ist ein qualifiziertes Team aus Fachpersonal, die an unterschiedlichen Orten der Stadt aktiv sind.  Als Ort der Bildung gibt es eine Jugendbildungsstätte von HochDrei in Potsdam.

Der Aufbau einer Jugendbegegnungsstätte hätte im Moment zur Folge, dass dem Teile des Rechenzentrums oder gar das ganze Rechenzentrum zum Opfer fallen würden. Seit Jahren kämpfen wir als SJR dafür, dass Freiräume erhalten bleiben. Räume für junge Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren; ohne diese gibt es diese Arbeit nicht. Das angedachte Kreativquartier ist keine Alternative, wenn der Mietpreis um die 9 Euro pro Quadratmeter beträgt. Das mag angesichts der allgemeinen Mietenentwicklung in dieser Stadt durchschnittlich anmuten. Jedoch ist es für junge Künstler*innen und Engagierte einfach nicht möglich unter solchen Bedingungen weiterhin so tolle Arbeit zu leisten, die dieser Stadt auch zu Gute kommt. 

Fazit

Beteiligung und Demokratie

Eine offene Debatte ist wichtig: neu denken, in alle Richtungen denken, ohne Kirchenschiff denken. Denn Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt ist nutzlos, wenn am Ende ohne sie entschieden wird. Und wir sehen in unserer täglichen Arbeit wie junge Menschen auf Alibi-Beteiligung reagieren. Es frustriert zurecht.

Wir freuen uns als SJR eingeladen worden zu sein. Doch nun liegt es an Ihnen, für die gesamte Potsdamer Stadtgesellschaft eine Lösung zu finden. Am besten ein Verfahren, bei dem alle Beteiligten so einbezogen werden können, dass am Ende eine demokratische Lösung gefunden wird. Denn nur eine Beteiligung der Bürger*innen führt am Ende zu einem Kompromiss. Es kann immer Leute geben, die mit dem Ergebnis eines Prozesses unzufrieden sind. Dann war es aber ein demokratisches Instrument, das zu dieser Entscheidung führte. 

Rechenzentrum

Die Wahrnehmung der letzten Jahre zeigt: Freiräume werden weniger. Überhaupt über eine Jugendbegegnungsstätte zu reden ohne das Rechenzentrum mitzudenken, empfinden wir als keinen kompromissfähigen Vorschlag. In den letzten Jahren wuchsen im Rechenzentrum ehrenamtliche Strukturen, die vor vielen Jahren so nicht absehbar waren. Es gibt aus unserer Sicht keinen inhaltlichen Grund, das Rechenzentrum abzureißen. Andere Begründungen so scharf in diesen entstandenen Kosmos einzugreifen, erklären sich uns nicht ausreichend. 

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