Stellungnahme des SJR zur Förderung von zivilgesellschaftlicher Jugendkultur

Shrinking Spaces

Im Moment scheinen die Themen, die uns vor einigen Wochen beschäftigt haben, in den Hintergrund gerückt. Neben allem Aktuellen und Akuten, das es derzeit zu be- und verarbeiten gibt, möchten wir euch dennoch das gemeinschaftlich erarbeitete Produkt bei unserer Mitgliederversammlung am 9. März 2020 vorstellen. 

„Wir werden diese sogenannte Zivilgesellschaft […] trockenlegen müssen.“[1], so der zum rechten Flügel der AfD zugehörige ehemalige Geschichtslehrer B. Höcke am 17.02.2020 bei Pegida Dresden. 

In den letzten Monaten war dies immer wieder Thema. Ein Phänomen, das sich Shrinking Spaces nennt. “Shrinking Spaces meint die zunehmende Einschränkung der zivilgesellschaftlichen Handlungsspielräume. Das bedeutet zum einen die Einschränkung fundamentaler Rechte wie die Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsäußerungsfreiheit; zum anderen werden Aktivist_innen, Menschenrechtler_innen und NRO, die für Regierungen unbequem sind, in ihrer Arbeit behindert,…“[2]

Unsere Vision ist u.a. für (politisches) Engagement: Der SJR setzt sich für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein und möchte gleichzeitig Jugendliche unterstützen, sich selbst für ihre Interessen und Belange stark zu machen. Dazu gehört es, Bedingungen zu schaffen, in der (politisches) Engagement wirksam ist und gehört wird.  Der SJR engagiert sich für die Belange der Jugendarbeit in Potsdam und setzt sich für die Träger ein. Die Mitglieder des SJR stärken sich gegenseitig und arbeiten gemeinsam und trägerübergreifend.[3]

Das freiLand Potsdam sieht sich seit mehreren Jahren bereits ganz unterschiedlichen Angriffen ausgesetzt. Wir als SJR Potsdam möchten uns solidarisieren. Denn:

Wie sähe eine Gesellschaft ohne Zivilgesellschaft aus? Ohne Kinderferienfahrten, ohne Eltern-Kind-Cafés, ohne Jugendclubs, ohne Mieter*innenschutzvereine, ohne Frauenhäuser, ohne Theater, ohne Drogenberatung, ohne Jugendverbände, ohne freiwillige Feuerwehr, ohne Fußballvereine, ohne Chöre, ohne Kirchen, ohne Kunstvereine, ohne Musikschulen, Pfadfinder*innenverbände, ohne……..? 

Eine starke Demokratie erkennt man an der Vielfältigkeit ihrer Zivilgesellschaft und an der  Akzeptanz und Selbstverständlichkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe. Verständnis und Akzeptanz für Vielfalt entsteht, wenn Menschen sich begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Neben vielen anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen is das Freiland ist ein eben solcher Ort.

Zivilgesellschaft ist die Einlösung des Versprechens der freien Entfaltung der Persönlichkeit und damit Grundpfeiler und Nährboden der Demokratie. Eine Demokratie braucht mündige Menschen, die Verantwortung für sich und ihre Umwelt übernehmen können. Das Freiland
vereint in sich Vereine und Initiativen, die in die Potsdamer Stadtgesellschaft hineinwirken
und ist damit ein wichtiger Teil der Potsdamer Zivilgesellschaft. Das Freiland bietet durch die Vielfältigkeit seiner Vereine einen Raum, in dem dem Bedürfnis nach persönlicher Entfaltung und Entwicklung gesellschaftspolitisch interessierter junger Menschen nachgekommen wird. Die friedliche Atmosphäre des Freilands zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen sich gegenseitig akzeptieren, gemeinsam gestalten und zusammen Spaß haben.

Dem Kinder- und Jugendrecht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention [4] wird unter anderem durch die Tätigkeit in Vereinen entsprochen. Dies dient ebenso der Erfüllung des Grundrechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art.2 GG). Eine lebendige und plurale Zivilgesellschaft ist nicht nur in Hinblick auf die individuelle Verwirklichung eines jeden von uns unabdingbar. 

Generell gilt, dass Zivilgesellschaft demokratische Praxis ist. Es geht darum, gemeinsame Ziele zu verwirklichen, Unterschiede offen zu legen sowie Konflikte friedlich durch das Suchen von Kompromissen beizulegen und findet nicht nur in, sondern auch zwischen den Vereinen statt. So erarbeiten sich besonders junge Menschen früh eine persönliche und positive Bedeutung von Demokratie. Dabei ist festzuhalten, dass zivilgesellschaftliches Handeln gleichzeitig immer auch demokratisches Handeln ist und damit auch präventiv rechtspopulistischen Tendenzen vorbeugt. Das Freiland ist ein solcher Ort des zivilgesellschaftlichen Engagements. 

Wer für eine vielfältige Zivilgesellschaft Position bezieht, in dem er*sie in Initiativen und Vereinen gestalterisch tätig ist, bringt sich ein für eine solidarische Gesellschaft, die demokratischen Werten und Normen folgt. Eine funktionierende Zivilgesellschaft muss gewollt sein. Sie kostet Geld, sie braucht Freiräume, damit Menschen sich in ihr bewegen und engagieren können. Engagierte Menschen sind die Zivilgesellschaft. Eine Gesellschaft muss entscheiden, ob sie sich das leisten möchte und es braucht den politischen Willen der Kommune, das zu gewährleisten. 

Alle Träger, die zum SJR Potsdam gehören, teilen das gleiche Selbstverständnis, das sich durch Demokratie, Respekt und Ablehnung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auszeichnet. “Der SJR stellt sich entschieden gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.” Das freiLand ist Teil des Stadtjugendrings und teilt dessen Selbstverständnis und Werte. 

Der SJR weist ausdrücklich darauf hin, dass es unabdingbar und notwendig ist, diese zivilgesellschaftlichen Projekte wie z.B. das freiland weiterhin ideell und finanziell zu unterstützen.

 

Hier zum herunterladen: Stellungnahme des SJR zur Förderung von zivilgesellschaftlicher Jugendkultur_2020

 

[1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-02/pegida-dresden-demonstration-bjoern-hoecke, abgerufen am 25.02.201´20

[2] http://blog.venro.org/shrinking-spaces-was-steckt-dahinter-und-wie-koennen-nro-darauf-reagieren, abgerufen am 10.03.2020

[3] https://sjr-potsdam.de/wp-content/uploads/2020/03/Selbstverstaendnis_Beschluss_2017_09_18.pdf, abgerufen am 27.03.2020

[4]  http://www.Kinderrechtskonvention.info, abgerufen am 25.02.2020

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